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Traugotts Kommentar
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Warten auf den Zimbelstern

Das real existierende Schlangestehen waren wir früher ja durchaus geübt. Die Wartegemeinschaft vor Gemüseläden und Vorverkaufsstellen war so etwas wie das Sinnbild eines ganzen Landes im Wartezustand. Mit widersprüchlichen Gefühlen zwischen Hoffnung und Angst vor Enttäuschung. Heute sind die Warteschlangen weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden. Manchmal, am Fahrkartenschalter, bemüht sich noch die Bahn, der Erinnerung nachzuhelfen.
Aber einmal im Jahr stehen sie wieder da. Lange Schlangen wartender Menschen. Meistens bei Kälte, Schnee oder Regen. Alte und Junge, Familien, und Alleinlebende, Fröhliche und Traurige, Erwartungsvolle und Erschöpfte. Warten auf die Christvesper in der Auferstehungskirche. "Wonach stehen Sie eigentlich an?" So wurde früher, in der untergegangenen Wartegesellschaft, gefragt. Oder: "Was gibt's denn hier?" Um danach abzuwägen. Lohnt es sich, mit anzustehen? Gibt es noch genug für alle? Darf ich so viel nehmen, wie ich möchte? Für mich sind die Wartenden vor den Kirchentüren das schönste Bild von Weihnachten. Sie wollen herein. Keiner fragt, wonach die anderen anstehen. Sie suchen alle etwas, was es nicht zu kaufen gibt. Und es ist genug für alle da. Und jeder darf so viel mitnehmen, wie er möchte. Drinnen ist die Kirche überfüllt. Kein Platz frei. Das bedeutet auch Gedrängel. Einer tritt mir auf dem Fuß. Die Dame daneben hat ein aufdringliches Parfum. Ein Kind quengelt. Ein anderes brüllt. Der alte Herr davor stellt sein Hörgerät ein. Wohin mit den dicken Mänteln? Es ist zu warm, zu laut, zu stickig. Ja, natürlich. So ist es, wenn viele Menschen zusammenkommen. Und es ist gut, dass so viele kommen. Zum Kind, zur Gemeinde, zur frohen Botschaft. Und wenn Sie sich unwohl fühlen im Gedränge, dann reden Sie doch einfach mit ihren Nachbarn. Fragen Sie, was für ein interessantes Parfum das ist. Versuchen Sie, das Kind abzulenken und zu beruhigen. Helfen Sie dem alten Mann die richtige Lautstärke für sein Hörgerät einzustellen. Es ist Heiligabend und zur letzten Strophe von "Oh du fröhliche" klingelt der Zimbelstern - für alle.

Traugott


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